Auf der Suche nach dem Hirsch

Sie gilt als Höhepunkt im Jagdjahr, die Hirschbrunft. Schon mal gehört, wenn der König der Wälder verliebt ist? Faszinierend ist das und weil man solche Töne bei uns nicht überall zu hören bekommt, und die majestätischen "Herren"noch viel seltener zu sehen sind, fährt die Kreisgruppe Weilheim jedes Jahr zur Hirschbrunft in den Schweizer Nationalpark nach Graubünden. Diesmal hat sie auch die Jungjäger vom Münchner Jägerverein zu dieser Exkursion eingeladen. Diese Einladung haben wir natürlich gerne angenommen. Der Schweizer Nationalpark ist etwas ganz Besonderes. Denn dort wird nicht gejagt und das Rotwild ist tagaktiv. Das heißt, Hirsche, Kahlwild, Kälber spazieren einfach so ganz gelassen und entspannt durch die Landschaft und durch welche! Aber zunächst fängt alles erst einmal ziemlich mühsam an:

Treffpunkt: Samstag 24. September, 05:00 Uhr Früh in Weilheim, heisst die Ansage. Für uns Münchner ist das nicht ganz ohne, schließlich müssen wir schon deutlich früher raus, um pünktlich am Treffpunkt zu erscheinen. Halb vier ist Abfahrt, kein Wunder, dass im Bus dann alle gleich wieder einschlafen.
Drei bis vier Stunden Fahrt liegen vor uns, über Garmisch, Mittenwald, den Fernpass, vorbei an Imst und Landeck, am jungen Inn entlang ins Unterengadin, ins Oberengandin nach Graubünden.
Rucksack und Brotzeit, feste Schuhe, Fernglas und Reisepass, alles dabei?

Wir fahren immer tiefer rein ins Gebirge. Dann ist es soweit, die Sonne geht auf. Zuerst spitzt sie nur über höchsten Gipfel und beleuchtet die Bergspitzen im ersten Licht. Nach und nach wird es hell und auch im Bus wird es lebendig.

Nach Zermez biegen wir endlich ab ins "Val Trupchun". Dieses Hochtal ist berühmt für sein Wildvorkommen. Rot-,Stein-, Gamswild, Murmeltiere, Bartgeier und Adler sind hier zuhause. Am Parkplatz heißt es aussteigen, denn jetzt dürfen wir nur noch zu Fuss weiter. Die Bergschuhe werden geschnürt, der Rucksack geschultert.

Noch schnell ein Blick auf die Karte. Sie zeigt uns den Weg durch den Schweizer Nationalpark. Drei Stunden Wanderung liegt vor uns. Bis zum gelben Punkt ganz unten am Rand der Karte müssen wir aufsteigen. Unser Ziel liegt auf rund 2000 Metern Höhe.

Franz Lebacher von der Kreisgruppe Weilheim hat die Reise organisiert. Seit zehn Jahren fährt er mit seinen Jungjägern schon hierher. Er kennt jeden Stein auf dem Pfad und erklärt uns noch kurz, welche Regeln im Nationalpark gelten: Keine Hunde, keine Fahrräder und man darf nicht vom Weg abschweifen. Dann gehts los, wir biegen in unseren Steig ein und wandern gemütlich, aber stetig nach oben.

Es hatte in den letzten Tagen geschneit, bis Mitte der Woche war der Weg sogar gesperrt. Der Pfad ist manchmal ganz schön glitschig, denn am Nordhang ist der Schnee noch lange nicht verschwunden.
Es ist kühl, doch beim Marschieren wird uns schnell warm. Der Wald ist wunderschön. Zunächst säumen Fichten unseren Weg, doch nach und nach dominieren die Lärchen. Noch sind sie grün, aber in zwei Wochen wird es hier eine goldene Aussicht geben.

In Graubünden ist derzeit "hohe Jagd", außerhalb des Nationalparks. Die Jagdzeit in den Bergen dauert nur vier Wochen, da sind alle Jäger unterwegs. Wir hören Schüsse und wir sehen sie, auf dem Radl mit dem Gewehr über der Schulter. Denn mit dem Auto darf man nicht auf Jagd fahren, das ist in Graubünden verpönt. Lange Zeit war auch das Zielfernrohr verboten. Eine ganz schön wilde Gegend hier.

Wir machen kurz Rast, naschen ein paar Weintrauben, ein Stück vom köstlichen Olivenciabatta und von den Würsteln. Denn langsam meldet sich der Hunger. Doch nach einer kurzen Pause geht es weiter, wir müssen noch fast bis zur Baumgrenze hinauf.

Unterwegs bleiben wir immer wieder stehen und schauen durchs Fernglas. Dort oben, da ist doch was, oder? Alle suchen angestrengt den Gegenhang ab. Dort neben der Rinne, links oberhalb der obersten Baumspitze. Die Ortsbeschreibungen sind eher schwammig und gar nicht leicht zu finden, doch nach 20 Rückfragen landet das Auge doch bei der richtigen Rinne, und?
Ein Gams ! Ja das müsste ein Gams sein, der sich dort am Grad sonnt.

Langsam erreichen wir die Baumgrenze, unser Ziel der Rastplatz kommt näher. Der Ausblick ist grandios, das Wetter ein Traum. Ab und zu hören wir einen Hirsch melden. Doch der Wildbach ist so laut, dass die Brunftlaute fast untergehen.
Halt dort drüben unter der letzten Fichte am Gegenhang: Ein kleines Rudel Rotwild.

Dann haben wir den Rastplatz erreicht. Wir sind nicht die Einzigen, die sich auf den Weg zur Hirschbrunft gemacht haben. Der ganze Rastplatz ist voller Menschen. Dicht gedrängt nehmen auch wir Platz und packen den Rucksack aus. Außerhalb der Markierung darf man sich nicht niederlassen, der Ranger verscheucht alle, die es sich auf dem Rest der großen Weidefläche bequem gemacht haben.

Die Brotzeit ist vertilgt, die Sonne brennt uns auf den Buckel. Angestrengt beobachten wir die Hänge rundherum. Auf dem Gegenhang tut sich ein bisserl was: Ein Stück mit Kalb äst friedlich in der Schneise zwischen den Waldzipfeln, zwei Hirsche machen wir aus auf dem Schneehang. Aber wirklich viel tut sich nicht. 60 Stück Rotwild, heißt es in den Beschreibungen und Erzählungen, soll man sehen. Doch der Schnee hat das Rotwild durcheinander gebracht. Die Brunft ist hier anscheindend noch nicht richtig angelaufen. Über uns steht ein Scharl Gämsen und weiter hinten kann man Steinböcke ausmachen. Doch alles ist weit weit entfernt und auch durchs Fernglas nur mit Mühe zu erkennen.

Doch der Blick auf die einsamen Felsen ist toll, schade nur, dass so viele Leute da sind. Viel zu laut, um die Hirsche noch melden zu höhren.
Nach einer guten Stunde mahnt Franz Lebacher zum Aufbruch, schließlich müssen wir wieder drei Stunden absteigen. Wir entdecken ein paar Murmeltiere und stapfen los. Unten am Bach liegt ein toter Hirsch. Sein Haupt haben die Ranger schon mitgenommen. Er hat die Brunftkämpfe anscheindend nicht gut überstanden.

Auf dem Weg nach unten stärken wir uns noch schnell mit einer Halben Bier in der Hütte am Wegrand, dann gehts im Strumschritt zum Bus, damit wir die Gruppe nicht verlieren. Auf dem Heimweg kehren wir noch in Österreich ein zu einer kleinen oder auch größeren Stärkung. Gegen zehn Uhr abends erreichen wir den Parkplatz in Weilheim. Wir haben zwar nicht so viel gesehen, wie erwartet, aber ein toller Tag und ein schönes Erlebnis war es trotzdem. Wir jedenfalls waren uns einig, der Schweizer Nationalpark ist schon ein wenig Mühe Wert. Herzlichen Dank an Franz Lebacher für die Organisation und wenn es klappt, sind wir nächstes Jahr gerne wieder dabei.

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